Sean Pean mit Perrücke in Paolo Sorrentinos "Cheyenne. This must be the place"

Sean Pean mit Perrücke in Paolo Sorrentinos "Cheyenne. This must be the place"

“Irgendwas stimmt hier nicht, aber ich weiß nicht was es ist. Irgendwas ist” Diesen wunderlichen Satz über das diffus-verschlungene Gefühl gerade nicht so richtig zu verstehen, was passiert, wiederholt Cheyenne oft in diesem Film und auch als Zuschauer ist man sich nicht immer so ganz sicher, was gerade los ist und welche Richtung die Reise dieser apathischen  Rock-Schranze nehmen wird. Quer durch die USA treibt es Cheyenne, auf der Suche nach einem Nazi-Verbrecher, den sein gerade erst verstorbener Vater sein Leben lang gesucht hat. Doch trotz soviel schicksalhafter Reise, scheint der apathische Altrocker emotional auf irgendeinem Trip hängen geblieben zu sein und säuselt gegenüber all den Menschen, die er trifft mit depressiv ausdruckslosem Gesicht seine Sätze dahin. Aber um diese ganze Geschichte geht es nicht, das weiß Cheyenne selbst – “irgendwas stimmt hier nicht”.

So verqueer diese Figur auch ist und so viele Fragen sie aufwirft, so unproblematisch bleibt dieser Film dabei trotzdem. Eigentlich erwarten wir von der Handlung eine Art Erzähltherapie, in der die Hauptfigur ein Problem hat, sich auf die Reise begibt, Menschen trifft und durch sein ganzes Handeln endlich zu sich selbst findet, damit auch wir nach 90 min beruhig und geläutert das Kino verlassen können. In Cheyennes Fall ist das eben nicht so und doch verlässt man, wenn vielleicht auch etwas gelangweilt, diesen Film doch mit einem Gefühl das jeder Emotionsproduktion der  üblichen Schicksalsgeschichten engegen spricht: Das Leben ist keine Ansammlung von Antworten, nach denen man nur suchen muss. Das Leben ist nicht so, sondern anders.  Seit über 30 Jahren hat Cheyenne nicht mit seinem Vater gesprochen, bis zu seinem Tod. Die Verbrechen unter denen er im KZ gelitten hat, lassen sich nicht aufklären und irgendwie kommt da bei Cheyenne auf den ersten Blick nichts an, weder Erinnerung noch Erkenntnis.

Paolo Sorrention ist es auf virtuose Weise gelungen einen Film zu machen, der mit großen pathetischen Leidens- und Lebensgeschichten nicht das Geringste zu tun hat. Und auch das nicht in der modernen Variation durch bewussten Verzicht auf Motivation und Figurenpsychologie von der blanken Beliebigkeit und Sinnlosigkeit des Lebens zu erzählen.  Alles andere als das, denn bei Cheyenne verbirgt sich hinter dem äußeren Schein der Traurigkeit gerade eben nicht viel mehr außer Komik. So schafft es auch der Film selbst gekonnt die übliche filmische Emotionsproduktion bei Seite zu lassen und den oberflächlichen Selbstfindungsklischees der “normalen” Filmhelden eine andere Geschichte entgegen zu halten. Für Cheyenne gelten als Figur nicht die aristotelischen Gesetzte von “Furcht und Mitleid”. Weder bedauern noch bemittleiden muss man diesen introvertierten Rockstar, der nicht mehr spielen will und mit seinem Rollkoffer nicht auf die heroischen Reise des Helden gehen muss, wie sie Hollywood bis zur Selbstkarikatur eben schon durcherzählt hat.

Cheyenne ist im besten Sinne des Wortes “durch” und mit ihm auch alle klassischen Erzählmuster. Doch muss man nicht nichts mehr erzählen, wie im ersten Teil des Films wo Cheyenne mit glücklichem Grinsen auf dem Makeup eine brutzelnde Pizza kontempliert und der dabei auf paradoxe Weise handlungsvoll wirkt. Nein, man kann  ein wenig Reisen, in Motels schlafen hier und da. Kaffee trinken und Pingpong spielen, mit der unscheinbaren Schönen im Dinners flirten und dabei tonlos vor sich hinsäuseln und versuchen was gebacken zu kriegen. Oder auch nicht und mit dieser Gleichgültigkeit gegenüber Bewegung zerstört Cheyennes komische Reise auch die Idee des Roadmovie. Der teure geborgte Crysler verbrennt fast nebensächlich an einer Tankstelle.

Kommen am Ende alle glücklich nachhause ? Must this be the place? Gibt es einen Ort, einen Bezugspunkt von dem aus man mit Bildern und Bewegungen eine Geschichte erzählen, eine Rolle schaffen, oder gar ein Leben erzählen kann. Cheyenne verlässt ganz pragmatisch am Ende selbst seine Rolle und Geschichte. Lächelnd und mit glänzenden Augen steht am Schluss wieder Sean Penn am Gartenzaun.