Eine kleine Reflexion über die Lustbarkeiten von Kinematographie und Xerographie

Hiroshi Sugimoto - Autokino (via tate modern)

Hiroshi Sugimoto - Autokino (via tate modern)

Die ersten Annäherungsversuche vor großen leuchtenden Leinwänden vollziehen sich längst nicht mehr zwischen den Vordersitzen. Die großen Zeiten des Drive-In-Kinos sind lange vergangen. Atemlose Küsse im Autokino sind als Metapher für die erotisierende Kraft des Kinos längst selbst auf die Leinwand gewandert. Aber wer der gestreamten Sofa-Version die reale leibliche Präsenz mit der oder dem Liebsten im dunklen Saal vorzieht, weiß, dass es auch im Multiplex noch extra breite Pärchen-Sitze gibt.

(via Maggie Lee - vice magazine)

(via Maggie Lee - vice magazine)

Auch in den Papiermagazinen des Wissens, den Bibliotheken oder dem Bürogedärm digital-moderner Unternehmen gibt es sie noch – die versteckten Räume der Licht- und Lustbarkeiten. Ganz am Ende des kahlen Flurs wohin uns die staubige Auslegeware führt, dort, wo die Luft trocken wird und es leicht aseptisch nach Papier riecht – dort steht der Kopierer. Hier entstehen vielleicht wirklich die erotisch-bizarren grauen Bilder, wenn die obligatorische Praktikantin oder natürlich notorische einsame Studentin sich wie in Campus-Romanzen oder Polit-Serien ohne Slip auf die warme Glasplatte setzt oder es dort sogar mit ihrem Vorgesetzten, zumindest Dozenten treibt.

Kopierer – welche körperliche Distanz man auch immer zu diesen Geräten und seinen Mitmenschen im Arbeitsleben pflegen mag und auch wenn die rechte Hand nur sorgsam den Stapeleinzug kontrolliert – dem Blick in den gleißenden Lichtbalken, der sich mit einem undefinierbar spitzen elektronischen Geräusch wie ein visueller Webstuhl unter der Platte bewegt, kann man sich nur schwer entziehen. Der magische, alles entscheidende Augenblick daran : es entsteht ein Bild, grob und schlierig, aber ganz da materiell gedruckt schwarz auf weiß. Wer sich in gleichem Maße dem Blick hinter die Dinge und in die Maschienen nicht entziehen kann, dem sei die eingehende Lektüre des mehr oder weniger instruktiven Wikipedia-Artikels zur « Xerographie » empfohlen. Denn in diesem Text geht es nicht um Papierstau und den sagenumwobenen Hebel 7 mit dessen Bedienung er sich sicherlich leicht beheben lässt.

Nutzen wir die Zeit des Wartens, während wir jede Doppelseite eines etwa 300-seitigen Buches mechanisch auf die leuchtende Glasplatte drücken für eine kurze Reflexion. Woher nehmen das Kino und der Kopierer ihre erotisierende Kraft ?

Projektion und Reproduktion

Was die weiße Leinwand betrifft würden alle an den Projektionstheorien der Psychoanalyse geschulten Filmtheoretiker mit einem heiseren Lachen auf Narziss oder Platons Höhlengleichnis verweisen und eloquent darlegen, was Traum und Trieb, unsere Wünsche und dessen (Licht-)Projektion für die ästhetische Kraft des Kinos bedeuten. Die Wunderkammer mit den roten Sitzen wäre für sie nicht mehr als ein Dispositiv, eine beinahe laborartige Zurichtung unserer Sinne, in der wir – gefesselt wie in Platons Höhle und keineswegs erleuchtet – immer nur sehen, was wir selbst sind und sein wollen.

Jan Sanraedam - Platons Höhle (1604)

Jan Sanraedam - Platons Höhle (1604)

Dann wäre der Kopierer die Wunschmaschiene schlechthin, denn sie wirft nicht nur von einer Leinwand Bilder auf unsere zarte Netzhaut, sondern druckt unser inneres Selbst gleich rattern mit auf’s Papier – zumindest, wenn man so leichtsinnig ist, wie die immer so unschuldigen Praktikanten.

Caravaggio - Narcissus

Caravaggio - Narcissus

Xerographie, die Lichtbild-Reproduktionstechnik des Kopieres, wäre dann Narziss bester Freund. Statt vor lauter Verlangen nach dem eigenen Ich im Teich zu ertrinken, hätte er mit dem Blick unter den schweren Plastikdeckel seine perfekte Einheit mit sich gefunden, oder auch nur dessen mäßig perfektes Abbild. Vielleicht ist aber gerade der Blick ins Licht viel faszinierender als der schummrige Abglanz vom eigenen Antlitz ?

Leuchtende Bilder

Es ist das Licht, das Kino und Kopierer miteinader verbindet. Wenn Knutscherei, den Film vergessen lässt, ist das sicher auch ein Effekt der schwächlichen Beleuchtungssituation. Gruselig ist neben dem Leinwandgeschehen auch immer die schwarze informe Masse, die vor einem sitzt. Nur im Schutz der Dunkelheit trauen sich meist fremde Hände zu fremden Knien. Körperlich und geistig ist man im Kino immer mit sich selbst und anderen gemeinsam allein und schreckt auch noch im Sessel versunken auf, fiebert und weint gemeinsam mit den Lichtgestalten auf der Leinwand und den im Dunkel verschwundenen Anderen.

Der Begriff « Illusion » hat nichts mit Licht zu tun, sondern mit dem Spiel (lat. Ludere) und vielleicht entspricht er damit besser dem (Ver-)Wechselspiel und der Interaktion von eigenem Körper und fremden Körpern – auf und vor der Leinwand. Im Kino verdoppeln wir uns so durch den Blick ins Licht – auf das, was sich auf dem großen weißen Quadrat vor unseren Augen abspielt sind wir immer affektiv und emotional mit Körper und Geist bezogen.

Am Kopierer ist man idealerweise allein. Allein mit sich und dem Licht. Was uns hier verdoppelt ist nicht der Bezug zum Anderen, sondern zum eigenen Bild und der Möglichkeit seiner direkten Reproduktion, unserer Selbstreproduktion. Das kann ganz schnell gehen, wenn beim Halten des Buches ein Finger verrutscht und der Körper zwischen Licht und Objekt gerät. Man kann hier sofort von sich ein Bild machen, direkt auf Papier, direkte Selbstsichtbarkeit sozusagen, die doch grau und phantomhaft bleibt. In Zeiten digtialer Fotografie mag das kein allzu großer Spaß mehr sein. Aber dennoch kann man die schlüpfrige Hypothese wagen, das die alte Praktikanten-Geschichte weiterlebt, weil die Faszination von Sex vor der Webcam nicht die gleiche ist wie Live-Repro-Sex als eine segensreiche Errungenschaft der Xerographie.

Vielleicht lässt sich die erotische Faszination von Kino und Kopierer noch auf eine andere einfachere Formel reduzieren : Wir werden im ganz materiellen Sinne angeleuchtet, geblendet, für uns selbst sichtbar und unsichtbar wie eine verschwommene Kopie. Es verlangt uns nach uns selbst und nach unserem Anderen, das im Dunkel neben uns sitzt.